Samstag, 6. September 2014

Die Wege


Nach Santiago de Compostela/Finisterre/Muxia:

Oktober 2009: Rankweil (A) bis Maria Einsiedeln (CH)
Juni 2010: Maria Einsiedeln (CH) bis Schwarzenburg (CH)
August 2010: Schwarzenburg (CH) bis Chavanay (F)
September 2010: Chavanay (F) bis Aumont Aubrac (F)
Juni 2011: Aumont Aubrac (F) bis Moissac (F)
August 2011: Moissac (F) bis Pamplona (E)
August/September/Oktober 2012: Pamplona (E) bis Muxia (E)

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München - Bregenz:

September 2011: München (D) bis Marktoberdorf (D)
April 2013: Marktoberdorf (D) bis Bregenz (A)

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Nach Rom:

Mai/Juni 2013: Friedrichshafen (D) über Lausanne bis Martigny (CH)
Juli/August 2013: Martigny (CH) bis Piacenza (I)
Mai/Juni 2014: Piacenza (I) bis Rom (I)

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Von Tschechien durch Österreich und weiter nach Santiago:

August/September 2014: Mikulov (CZ) bis Salzburg (A)
Dezember 2014: Salzburg (A) bis St. Johann in Tirol (A)
Juli 2015: St. Johann in Tirol (A) bis Innsbruck (A)
August 2015: Innsbruck (A) bis Maria Einsiedeln (CH)

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Ab Rottenburg:

Februar 2015: Rottenburg (D) bis Alpirsbach (D)
März 2016: Alpirsbach (D) bis Bleibach (D)

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Von Rom nach Santiago:

April 2015: Roma (I) bis San Miniato (I)
Mai/Juni 2015: San Miniato (I) bis Fidenza (I)

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Von Liège/Lüttich nach Santiago:

April 2016: Liège/Lüttich (B) bis Reims (F)

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Von Florenz nach Spoleto - Franziskusweg:

Mai/Juni 2016: Firenze/Florenz (I) bis Spoleto (I)

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Graubündner Jakobsweg:

Juli 2016: Müstair (CH) bis Davos (CH)

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Draußen bin ich zu Hause,
deute die Wolkenund trage den pochenden Regenbogen im Haar.[Rose Ausländer]

Ich bin Zigeuner, trage die Hände im Hosensack und schreibe meine Verse an den seltenen Tagen, an denen ich weder für Geld arbeite noch betrunken bin. 
Nächst Büchern, Wein und Weibern weiß ich nur ein Vergnügen: Wandern.
Bald zu Fuß an Bächen entlang in der Schweiz, im Jura, im Schwarzwald, bald dritter Klasse und Orangen in der Tasche durch Italien.
[
Hermann Hesse] 

Wer wahre Stärke sucht,
wird sie hier finden:
Einer trotzt standhaft
dem Wetter, den Winden.
Sein Mut treibt ihn voran,
dass niemals wanken kann,
was einst mit einem Schwur begann:
Pilger zu sein.

[John Bunyan, "Die Pilgerreise"]
 
Wir sind sozusagen immer der Nase und der Sonne nach gelaufen.
Den großen Straßen sind wir ausgewichen, und das war gut so.
Wie überraschend war das, was wir auf stillen Wegen fanden:
eine ganz wundersame alte heile Welt.
[Detlef Willand]


Because in the end, you won’t remember the time
you spent working in the office or mowing your lawn.
Climb that goddamn mountain.
    [Jack Kerouac]



Ich fragte eine Schnecke, warum sie so langsam wäre.
Sie antwortete, dadurch hätte sie mehr Zeit, die Welt zu sehen.
[Phil Bosmans]



Dies ist das Glück des Nomaden:
Wer unterwegs ist, der verwurzelt sich mit jedem neuen Schritt.
Er hat seinen Platz immer dort, wo er sich gerade befindet.
Er frischt die Liebe auf, indem er sich bewegt.
[Drukpa Rinpoche]



Sicherheit ist meist ein Irrglaube.
Sie kommt in der Natur nicht vor.
Das Leben ist entweder ein großes Abenteuer
oder nichts.
[Helen Keller]


Der Mensch muss Erde unter den Füßen haben,
sonst verdorrt sein Herz.
[Gertrud von Le Fort]
 
Und vielleicht - irgendwann - wird dieser Weblog eine Beschreibung eines jeden einzelnen Tages meiner Pilgerreisen auf dem Jakobsweg enthalten. Bis dahin ist er für mich ein großes Erinnerungs-Puzzlespiel, in dem sich langsam ein Teil zum anderen fügt.

Mittwoch, 1. Dezember 2010

18.08.2011: Pamplona

6. Reise/21. Tag

Das Casa Paderborn, 07:15 Uhr
Als ich aufwache, scheint mir der Morgen dunkler als all die anderen davor. Und trüber, kühler, als läge Nebel über Pamplona.

Ich versuche, alles so zu machen wie jeden Morgen. Rucksack packen, frühstücken. Aber ich gehöre schon nicht mehr dazu. Ihr seid jetzt schon so weit weg von mir, denke ich. Reden will ich nicht mehr. Es ist alles gesagt. Ich fühle mich wie im Publikum eines großen Theaters. Ich kann nur noch beobachten, was passiert. Es zerreißt mir das Herz, den Weg hier und jetzt verlassen zu müssen. Und der Kloß in meinem Hals wächst.

Ich halte es im Casa Paderborn nicht mehr aus. Draußen kann ich wenigstens atmen. Ein Pilger nach dem anderen verlässt das Haus und macht sich auf den Weg. Schweigend umarme ich Pierre, dann Martin. Hey, macht euer Ding. Und passt gut auf euch auf.

Irgendwann schleiche ich verloren durch Pamplona, sitze stundenlang im Busbahnhof, ohne zu merken, wie die Zeit vergeht. Es ist genug. Ich muss hier weg.

Es geht mir erst besser, als ich im Bus sitze und über die Pyrenäen zurück nach St.-Jean-Pied-de-Port fahre. Als ich dort ankomme, ist es ein bisschen wie nach Hause kommen. Bei Jacques werde ich wieder herzlich aufgenommen. Es tut gut, diesen Abend noch hier zu sein.

Soundtrack of the day: Fink - Perfect Darkness


13.08.2011: Ostabat - St.-Jean-Pied-de-Port (22,5 km)

6. Reise/16. Tag

Als ich von Ostabat am Morgen aufbreche, ist bereits zu spüren, dass sich der Nebel nicht lange halten wird. Und mit jedem kleinen Sonnenstrahl wächst meine Vorfreude. Ich kann es nicht benennen, nicht beschreiben, nicht erklären, aber jetzt nähere ich mich Schritt für Schritt St.-Jean-Pied-de-Port und es ist ein bisschen wie damals vor Le Puy. Irgendetwas packt mich, rührt mich, schmeißt mich in die Luft und fängt mich wieder auf: St.-Jean-Pied-de-Port!

In St.-Jean-le-Vieux ist die Sonne unwiderruflich da und auf den letzten Kilometern sind kleine Schmetterlinge in meinem Bauch. Ich kann es kaum erwarten, durch dieses Tor zu gehen, das ich so oft auf Fotos gesehen habe. Und dann bin ich durch und plötzlich sind überall Menschen. Immer wieder ruft jemand von irgendwo meinen Namen, viele Pilger der letzten Tage sind schon hier, die Franzosen von Laressingle sind gar bereits wieder von Roncesvalles zurück. Im Trubel verstehe ich kaum, was sie mir zurufen. Ich winke nur – lasst mich erst einmal hier sein! Jedes Wort ist mir in diesen Minuten zuviel. Diese Augenblicke sind so kostbar für mich: Ankommen. Ich will mich einfach nur durch die Straßen treiben lassen, schauen und erleben und riechen und diesen unglaublichen Ort fühlen auf der Haut.

St.-Jean-Pied-de-Port
JA! Nach ein paar Minuten weiß ich es ganz genau: Hier werde ich meinen Platz finden. Für diesen einen verrückten Tag werde ich mich hier zuhause fühlen.  

Abends sitze ich mit Ursula und den Holländern in einer kleinen Seitengasse bei einem Glas Wein. Und dann liegt plötzlich doch noch ein bisschen Wehmut in der Luft. Für alle anderen wird der Weg hier enden. Über die Pyrenäen wird mich kein einziges vertrautes Gesicht mehr begleiten.  

Aber ich habe keine Lust, Trübsal zu blasen. Was für ein Privileg, hier noch weitergehen zu dürfen. Ich blicke von der Rue Citadelle den Berg hinauf und weiß ganz genau: Ich will es. Unbedingt.

Soundtrack of the day: Midlake - Small Mountain
 

Dienstag, 30. November 2010

24.09.2010: Saint Alban sur Limagnole - Aumont Aubrac (12 km)

4. Reise/10. Tag

Ich laufe durch den Regen und versuche herauszufinden, ob ich traurig bin. Ich weiß, dass ich ein Resumee ziehen sollte, einen Strich drunter machen, so ganz langsam. Morgen würde ich den Weg in aller Frühe mit dem Bus Richtung Süden verlassen.

Durch den Regen nach Aumont-Aubrac

Das gleichmäßige Prasseln auf mein Regencape bringt Ruhe in meinen Kopf. In den letzten Tagen ist so viel passiert. Ich erwische mich dabei, dass ich immer wieder ganz unvermittelt lächeln muss. In meinem Kopf spule ich kleine Filmchen der letzten Tage ab. Alles passiert wie in Zeitlupe. 

Ein Blick, eine Hand auf meiner Schulter, jemand, der an meinen Zöpfen zieht. Zwei Augen strahlen mich an, ein Hund frisst meine Wurst. Jemand reißt sich das T-Shirt vom Leib und wäscht es am Brunnen. Septembersonne auf gebräunter Haut. Heidi? Elle est suisse! Ein Wiedersehen und ein starker Kaffee.

Und Wärme, ganz viel Wärme. Das einzige, was ich immer suchen werde. Hier oder dort.

Dann reißt mich jemand aus meinen Gedanken: "Il y'a quelqu'un qui te cherche!" Mich sucht jemand?

Zuerst sehe ich den Hund, le chien. Wo kommst du denn her? Und dann den weißen Camion an der Straßenkreuzung. Er ist da. Unglaublich.

Soundtrack of the day: Angus & Julia Stone - For you

21.09.2010: Le Puy-en-Velay - Saint-Privat-d'Allier (24 km)

4. Reise/7. Tag

Zu dritt haben wir uns um 07:00 Uhr zur Pilgermesse verabredet. Ich? Pilgermesse? Okay, okay. Ich sehe ein, dass Walters Verabschiedung eines gewissen Rahmens bedarf, der ihm würdig ist. Noch nehme ich seinen Abschied auf die leichte Schulter. Aber dann kommt es anders.

Als ich da mit den vielen anderen Pilgern schweigend in der Kathedrale stehe, wundere ich mich über meine Dünnhäutigkeit.

Immer wieder an diesem Tag ringe ich nach Fassung. Was für eine seltsame Stimmung. Mit dem Augenblick, als Walter fort ist, hat Le Puy plötzlich ein anderes Gesicht bekommen. Ich gehe durch Gassen und Straßen, verlaufe mich immer wieder, verzettele mich in irgendwelchen Geschäften. Ich kann mich nicht dazu durchringen, endlich loszulaufen. Zwischendurch erschrecke ich vor meinen eigenen negativen Gedanken: Ich ziehe plötzlich sogar in Betracht, den Weg abzubrechen und schnurstracks nach Hause zu fahren. Ich habe keine Lust zu laufen. Und reden will ich sowieso mit niemandem. Reden konnte man doch sowieso am besten mit Walter. Also was sollte das alles noch?

Es wird Mittag in Le Puy und ich stehe immer noch verloren irgendwo herum und warte auf jemanden, der mich auf den Weg prügelt. Als ich ein Bett in Saint Privat reservieren will, hoffe ich für einen kurzen Augenblick, dass keines mehr frei ist. Pech gehabt.

Und dann renne ich einfach los. MP3-Player im Ohr, Blick auf den Boden und ab dafür. Ich überhole grußlos Pilger um Pilger. Sprecht mich bloß nicht an! Ich will meine Ruhe haben! Ich bin wütend und habe keine Ahnung, auf wen.

Saint-Privat-d'Allier

Später irgendwann werde ich dem Himmel danken, dass ich da durch bin. Dass ich weitergemacht habe. Dass ich völlig ohne Motivation doch irgendwie weitergegangen bin.

In Saint Privat bin ich körperlich total ausgepowert, aber lammsanft. Die Dämonen in meinem Kopf sind besiegt.

I got one hand reaching for heaven, and the other one is dragging in the dirt. (Christian Kjellvander)


Okay, es kann weitergehen.

Soundtrack of the day: Christian Kjellvander - Two souls

20.09.2010: Queyrières - Le-Puy-en-Velay (31 km)

4. Reise/6. Tag

Als ich mich von diesem wunderschönen Flecken Erde und dieser traumhaften Herberge in Queyrières am Morgen verabschiede, spüre ich, dass irgendetwas an die richtige Stelle gerückt ist - über Nacht. Beim Losgehen fühle ich in mich hinein und alles, was ich finden kann, ganz tief in mir, ist ein Lächeln, das mich von innen anstrahlt. Guten Morgen, Welt, ich komme.

Kirche St. Michel d'Aiguilhe in Le-Puy-en-Velay

Es ist einer jener Tage, an denen ich mit mir selbst spreche: "Wow, wie schön!" sage ich zum Beispiel, ganz laut, damit ich meine Stimme höre und sicher sein kann, das ist kein Traum, nein, ich bin es wirklich. Ich laufe mit großen Augen staunend durch diese grandiose Welt und bewundere ihre Schätze.
Wie ich mich freue. Auf diesen Tag, auf all die Orte und die Menschen, auf mein Leben, auf alles, was noch kommt, auf alles, was es noch zu entdecken gibt, aber erst einmal auf Le Puy. Herrje, ich bin bald da! Le Puy!

Vor Le Puy schaffe ich es tatsächlich noch, mich zu verlaufen und gehe 2,5 km in die falsche Richtung. Genau zum richtigen Zeitpunkt rettet mich Walter vorm Verzweifeln: Eine SMS: "Wo bist du?" Wir verabreden uns um 19:00 Uhr vor der Kathedrale.

Und dann sitzen wir bis tief in die Nacht in diesem schnuckeligen Restaurant, trinken Wein und lachen und finden das Leben einfach wunderschön.

Soundtrack of the day: Genesis - Follow you follow me

19.09.2010: Tence - Queyrières (22 km)

4. Reise/5. Tag

Es war eine unruhige Nacht. Eine jener Nächte, in denen irgendetwas aufreißt, was lange her ist. Ich träumte von Stacheldrähten und Schnittwunden und laufe morgens los wie ein verwundeter Krieger. 
Nach ein paar Kilometern treffen mich die ersten Sonnenstrahlen - Wärme bahnt sich vorsichtig einen Weg durch meine eingefrorenen Gedanken. Etwas taut, etwas heilt - in Zeitlupe.

Über den Dächern von Tence

Etwas, das ich festhalten will, entwischt mir immer wieder. Ich weiß noch genau, als ich da stehe, über den Dächern von Tence, mit geschlossenen Augen, dieses unglaubliche Licht im Gesicht, da hatte ich es beinahe, als müsste ich nur die Hand danach ausstrecken. Aber da war es auch schon wieder vorbei.

Ich denke an jemanden, mit dem ich gestern darüber sprach, was man lernen kann auf diesem Weg. "Loslassen", sagte ich. "Tiefseetauchen", sagte er. 

Manche Worte sind wie Flaumflocken auf meiner Wange.

Am Abend sitze ich dann auf der kleinen Terrasse vom Le Fritz. Die Beine auf dem Geländer, das Gesicht Richtung Sonne, bei einer Flasche Bier und Spaghetti und dem Mp3-Player in den Ohren lässt es sich aushalten. Ich genieße einen sagenhaften Blick auf die Vulkanhügel. Eine SMS für Walter, der noch weitergegangen ist: "Hier ist es so schön."

Dann das große Bett mit der weißen Bettwäsche. Ich schlafe sofort ein.

Soundtrack of the day: Amos Lee - Behind me now